Neulich am Pflock

Da drüben auf den Magicblogs über Spiele geredet wird, zu denen der Pischner bereits 2002 alles gesagt hat, schreibe ich auch mal über ein anderes Hobby (es gibt weiter unten aber auch noch einen Magic-Bezug) (und Fußball).

Dieser Blog enthält sehr viele Links, zum Teil auf Webseiten kommerzieller Anbieter (Shops). Keiner dieser Links ist als Werbung gedacht, sie sollen nur das Geschriebne verdeutlichen und weiterführende Infos bieten.

Seit einiger Zeit betreibe ich (wieder) aktiv Bogensport. Dabei beschäftige ich mich ernsthaft mit dem sogenannten „Traditionellen Bogenschießen“. Wobei man dazu sagen muss, dass „ernsthaft traditionell schießen“ das Bogensport-Äquivalent zu „kompetitiv Legacy zocken“ ist. Auch dazu später mehr, zuerst will ich von einer Diskussion berichten, die sich unlängst auf einer „Hunter-Runde“ ereignet hat (und das weder zum ersten noch zum letzten Mal – nur bei diesem Wortwechsel war ich zufällig dabei).

Die „Hunter-Runde“ ist die EDH-Partie des Bogensports. Man trifft sich auf einem Schießparcours (ein abgezäuntes Stück Sekundärwald, in der Regel eine ehemalige Bundeswehr-Liegenschaft im dünnbesiedelten Mittelgebirge). Der durchschnittliche Teilnehmer sieht aus, als hätte er goldene Kundenkarten sowohl bei Jack Wolfskin wie auch beim regionalen LARP-Ausstatter. Auf dem Gelände angekommen wird man in zufällig ausgeloste Fünfer-Gruppen eingeteilt und geht dann gemeinsam einen Pfad durch den Wald ab. Von diesem Parcours aus schießt man auf diverse Tierfiguren aus Kunststoff. Die Stelle, von der man schießt, ist dabei mit dem im Titel erwähnten Pflock markiert. An einem solchen Pflock fand das folgende Gespräch statt:

  • Schütze A: Sorry, aber Du musst mit dem vorderem Fuß, also dem, der näher am Ziel ist, den Pflock berühren. Nicht mit dem hinteren. So, wie Du jetzt stehst, bist Du übergetreten.
  • Schütze B: Aber dann kann ich den Hirsch gar nicht richtig sehen. Die eine Kiefer verdeckt den ja halb.
  • Schütze A: Das ist, glaube ich, so geplant.
  • Schütze B: Also, wenn ich hier stehe, schieße ich garantiert daneben. Unter diesem Ast hier kann ich mich gar nicht richtig hinstellen…
  • Schütze A: Wie gesagt, das ist ein Feature, kein Bug… alle anderen haben es genauso schwer.
  • Schütze C: Ach jetzt lass ihn doch. Der eine Meter, den er jetzt näher dran ist. Da kommt es jetzt doch echt nicht drauf an!
  • Schütze D: Wenn es „echt nicht drauf ankommt“, dann kann er sich auch richtig hinstellen…
  • Schütze C: Mann, seid Ihr Korinthenkacker! Wir sind zum Spaß hier! Wisst Ihr noch, was „Spaß“ ist?
  • Schütze D: Der „Spaß“ bei diesem Schuss soll aber darin liegen, dass man unter dem Ast durch, am Baum vorbei auf den Hirsch schießt, und nicht von der „leichten“ Stelle daneben…
  • Schütze A: Manche von uns haben auch einfach Spaß an einem sportlichen Wettbewerb, bei dem die gleichen Regeln für alle gelten…
  • Schütze E(ndijian). Hört auf! Mein Kopf tut weh! Judge! Da liegen 2 Explores im Graveyard! Vendilion Clique als General ist soooo cheesy!! No LD; Discard, Counter, Delver!!! Argh!!!

Kommt das noch jemand bekannt vor?

Noch bekannter wird es, wenn man sich die Strukturen im Bogensport genauer ansieht. Ein kleiner Exkurs: Es gibt, grob vereinfacht, drei große Richtungen beim Bogenschießen.

  1. Das klassische „olympische“ Bogenschießen im Schützen- oder Sportverein. Hier ist, wie im Vereinssport üblich, die Zielrichtung sehr genau vorgegeben: Von der Kreismeisterschaft über die Landesmeisterschaft zur DM, und dann nach Olympia! Die verwendeten Bögen sind technisch relativ modern und hochgerüstet, mit Visier, Dämpfern, usw.
    Eine Unterart ist das Blankbogenschießen. Hier werden moderne Sportbögen verwendet, allerdings ohne Visier. Statt dessen gibt es verschiedene Techniken, um über die Pfeilspitze zu zielen.
    Eine Einstiegsausrüstung kostet ca. 300€, wenn man vorne mitspielen will, kann man nur für den Bogen ohne Pfeilen, etc. gut und gerne 1000€ auf den Tisch legen. Für das Training ist ein ähnliches Engagement nötig: Wer mit den großen Hunden pissen will, der sollte dreimal in der Woche das Bein heben.
    Der olympische Bogensport große Probleme mit Überalterung und fehlendem Nachwuchs.
  2. Compund-Bogenschießen. Dieser Stil ist ähnlich organisiert wie das „olympische“ Schießen. Die Bögen sind aber technisch noch eine Stufe weiter – Die Bogensehne läuft über Umlenkrollen und kann so (nach dem Flaschenzug-Prinzip) viel mehr Energie speichern als bei einem klassischen Bogen (denkt einfach an Rambo 2). Die Technik dieser Bögen lässt auch bei Einsteigern schnelle Erfolgserlebnisse zu: Wenn Ihr mit Pfeil und Bogen auf 50m ein Zwei-Euro-Stück treffen wollt, ist dies Euer Bogen. Dafür ernten die Compound-Schützen leider recht viel Spott, v. a. aus der traditionellen Ecke – „Klappradfahrer“ ist noch das harmloseste.
    Der Einstieg beginnt bei 300-400€ für den Bogen. Ernstgenommen wird man ab 1000€, dann ist es nach oben offen. Compound-Bogenschießen hat konstanten Zulauf von Fans des genannten Stallone-Films oder MaschBau-Ingenieuren, die ein CNC-gefrästes Stück Aluminium einfach zu schätzen wissen.
  3. Als Drittes das „traditionelle“ Bogenschießen. „Traditionell“ ist ein großer Sammelbegriff für unterschiedlichste Stile. Zum einen sind da die LARPer, Re-Enacter und „experimentellen Archäologen“, die versuchen, mehr oder weniger authentisch-mittelalterlich mit Lang-oder Reiterbogen-Nachbauten zu schießen. Eine recht isolierte Sonderstellung hat das Kyudo, also das traditionelle japanische Bogenschießen. Hier geht es allerdings auch weniger um das Schießen, als vielmehr um „japanische Lebensart“. Als größte Gruppe in diesem schon sehr inhomogenen Haufen gelten die Schützen mit modernen Langbögen und den so genannten Jagdrecurves (zu letzteren gehöre ich). Wir verwenden Bögen aus modernen Materialien (glasfaserbelegtes Holzlaminat), von denen allerdings alles Zubehör wie Visier, etc. entfernt wurde. Man schießt ohne zu zielen, sondern nach Gespür und Erfahrung – daher auch der Name „Instinktives Bogenschießen“. Damit hören die Gemeinsamkeiten untereinander auch auf – zur Frage, was „traditionell“ ist, gibt es so viele Antworten wie auf die Frage nach „Casual Magic“.
    Einen Einsteiger-Jagdrecurve gibt es für ca. 100€, für um und bei 1000€ setzt sich einer von Deutschlands Top-Bogenbauern mit Dir an den Tisch und baut Dir Deinen individuellen Traumbogen. Dazwischen ist alles möglich.
    Ich brauche wohl nicht extra zu sagen, dass das „traditionelle“ Bogenschießen im Moment sehr großen Zulauf hat.

Mir kommt dieses Muster seeehr bekannt vor: Das Turnierspiel stagniert, die „Zeigen, was man hat/was man sich leisten kann“-Variante (also quasi das „Bogenschieß-Legacy“) steht recht stabil da, und Casual boomt.

Man kann das sicher nicht 100%ig vergleichen. Der Zulauf zum traditionellen Bogenschießen liegt sicher auch an Hollywood (Danke, Catniss! Danke, Legolas!). Ich werde mich aber sicher nicht über ein etwaiges „sexy“-Image meines Sports beschweren…

Es gibt aber viele Parallelen zum Magic:

  • Die oben geschilderte Diskussion.
  • Die Debatten, was „traditionell“ ist. (Glasfaserlaminat am Bogen? Sind Carbon-Pfeile OK, oder nur Fichtenholz? Bewahrt Kyudo die Tradition der Samurai oder verhöhnt es sie?)
  • Die vollkommen unnötigen Streitigkeiten zwischen traditionellen und Compound-Schützen. („Ihr seid ja gar keine echten Bogenschützen!“)

Auch haben traditionelle Schützen, ähnlich wie leider viele (nicht alle!) Casual-Magicspieler auch, häufig Probleme mit der grundlegenden Technik des Sports – der Leitsatz ist zu oft „Wer trifft, hat wohl alles richtig gemacht.“

Bestimmt sagt jetzt einer „Ey, Du laberst voll den Mist, Magic-Turniere boomen gerade ohne Ende!“ Stimmt. Denkt aber daran, dass Wizards das Turniermagic bereits größtenteils „vercasualt“ haben! Genau dasselbe läuft gerade beim Bogenschießen: Die großen Dachverbände versuchen, sanktionierte Turniere in „traditionellen“ Disziplinen, wie der oben erwähnten Hunter-Runde, aufzuziehen.

Von meiner fußballspielenden Verwandtschaft höre ich übrigens ähnliches: Jeder hat Bock aufs Kicken, aber regelmäßiges Training, und dann noch jeden Sonntag Punktspiel? Am Ende noch angeschissen werden, weil man die Mannschaft hat hängen lassen (weil Samstag Party war)? Not so much… Aber auch das ist Magicspielern spätestens seit der „Renaissance“ der Magic-Bundesliga bekannt.

Letztendlich gilt das wohl für jedes Hobby. Ich kann es aber auch nachvollziehen: Es wird verlangt, das man im Job/an der Uni/in der Schule konstant Höchstleistung bringt. Da will ich zumindest in meiner Freizeit nur gemütlich ein paar Karten drehen/Pfeile fliegen lassen/Bälle treten. Wizards drehen ihr „organisiertes Spiel“ gerade in diese Richtung. Was ich eigentlich OK fände, wenn dafür gesorgt wäre, dass fair gespielt wird…

Was kann man daraus jetzt mitnehmen? Nicht viel. Ich wollte einfach mal erzählen. Hier nur eine Bitte an Casual-Magicspieler: Organisiert Euch! Gerade beim Bogenschießen merke ich, wie eine „Zersplitterung“ in unterschiedliche Klein(st)gruppen der Sache und dem Hobby an sich schadet.

 

In diesem Sinne, nächstes Quartal geht es wieder um Magic,

Gruß

E.

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3 Antworten

  1. Tja, wenn ich damals geahnt hätte, was mit Yu-Gi-Oh! auf uns zu kommt, hätte ich selbst Pokemon noch etwas Positives abgewöhnen können…

    Diese „wir haben nur Spaß, wenn wir bescheißen dürfen“ Fraktion gibt es offensichtlich in jedem Hobby.

    Ich habe das doch richtig in Erinnerung, dass diese „Rennaissance“ der Bundesliga maximal ein Jahr andauerte?

    Und wieso sieht Tobi auf seinem neuen Portraitbild nicht mehr wie ein kiffender Hippie, sondern wie ein heroinsüchtiger Strichjunge aus?

    • Ich glaube, es geht weniger um „Spaß am Bescheißen“, sondern um das totale Unverständnis dessen, was das Spiel ausmacht.
      Ja, der Hirsch wäre so leichter zu treffen. Ja, man ist seltener screwed, wenn man sein Deck 2 Nichtland/1 Land stackt. Ja, es ist leichter, einen Ball zu tragen und zu werfen als zu dribbeln und zu kicken…

  2. Ich mag diesen Blog.

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