Bevor ich erzähle, was ich zu dem Thema meine, muss ich etwas Text als ”visuelle Barriere” schreiben, damit meine Ausführungen die Ergebnisse nicht beeinflussen. Daher hier etwas Werbung:
Der Casual-Card-Construction-Contest ist zwar schon vorbei, aber ich möchte meine erfundenen Karten doch gerne der Öffentlichkeit vorstellen. Immerhin habe ich den zweiten Platz belegt, während der andere nur vorletzter wurde:
So, zu den Proxys: Das Thema taucht in der gesamten Planeswalkerpunkte/ProTour/Worlds-Diskussion immer mal wieder als Nebenthema auf. Tigris hat zur Proxy-Meisterschaft aufgerufen, der Zeromant hat es in einigen Tweets angesprochen, aber am deutlichsten kommt es in diesem Artikel auf ChannelFireball rüber. Die zentrale Frage ist:
Warum soll ich eigentlich teure Karten kaufen, wenn mit den Turnieren das einzige Gebiet, auf dem sie unbedingt notwendig sind, immer uninteressanter wird?
Ganz kurz als Einführung zu meinen Gedanken ein Exkurs, warum ich im vergangenen Jahr so still im Magicinternet war. Vor dem Jahresendkesselevent 2010 hatte ich im PMTG-Forum eine Diskussion mit einem Typen namens “casual”, der es kaum erwarten konnte, mit der Uni fertig zu werden und zu heiraten. Dann hätte er auch endlich wieder mehr Zeit für Magic. Nach zwei Jahren Bedenkzeit kann ich feststellen: Der Mann hatte Recht. Und wenn man erst mal Projektleiter wird und Kinder hat, dann steigt die Zeit für’s Magicspielen exponentiell an.
Zur Zeit räume ich mir einen Samstag im Monat für ein Magicturnier frei – nächstes Jahr wird es eher weniger als mehr. Ich gehe auf Turniere, die wenig (Legacy) bis keine (Prelease) Vorbereitung erfordern. Bei den letzteren stellt sich die Frage nach Proxys nicht, und bei den ersteren versuche ich, meine zwei Petdecks einigermaßen aktuell zu halten und investiere daher auch moderat in Einzelkarten. So viel zu Turnieren.
Im Bereich des Gelegenheitsspiels mache ich gerade das, was jeder und seine Schwester zur Zeit tun: Cubes bauen, der Casualtrend der 201Xer. Dabei orientiere ich mich an den Pischner-Cubes, weil der Andreas, bei aller Kritik die er immer wieder einstecken muss, eine Sache verstanden hat: Er weiß, was eine Partie Magic spannend macht.
Beim Cube-Lesen und Cube-Nachbau bin ich auf folgendes Problem gestoßen:
Als ich mir den Waterworld-Cube angesehen habe, dachte ich “Cool, da kann ich meinen Sage of Lat-Nam aus Antiquities einbauen”.
Oder auch nicht.
Viele Spieler haben sehr konkrete Vorstellung was “Cubes” betrifft, nämlich Turn 1-5: Land,Go! – Turn 6ff.: R0FLC0PT0R!!!1!!
Ich kann mich glücklich schätzen, dass die hiesige Community gerne wettberbsorientiert und “interaktiv” spielt.
Es fällt jedoch schwer, Spieler, die eher casual unterwegs sind, für diese im Gebiet der Cubologie eher experimentellen Sachen zu begeistern (klassisches Magic spielen, und nicht “ausgetappt und hingeklatscht”).
Daher müssen Cubes einfach und leicht zugänglich sein, oder auf neudeutsch: “haptisch”. Werft einmal einen Blick auf den Sage of Lat-Nam aus Antiquities: Einfach und zugänglich beschrieben ist die (nicht sehr komplexe) Fertigkeit hier nicht gerade. Dazu kommt erschwerend, dass bei so alten Karten das Druckbild sehr dunkel und schwer zu erkennen ist, was besonders bei der Power/Toughness ins Auge sticht (oder eben nicht). Das mittlerweile auch schon wieder 10 Jahre alte “neue” Layout ist gerade bei Kreaturen eine klare Verbesserung. Man könnte sich natürlich einen Sage of Lat-Nam aus der Achten Edition besorgen, daher ein anderes Beispiel:
Merfolk Seer, eine alte Mirage-Common, die ich aus einer Kiste ganz weit unten rauskramen musste. Die Fähigkeit ist einfach genug, nur leider von der Formulierung her total überholt. Besonders, weil die gedruckte Kreatur eine aktivierte Fähigkeit hat (Doppelpunkt), welche nach modernen Regeln eine ausgelöste Fähigkeit ist. Ist halt ärgerlich mit Squelch im Kartenpool.
Den Seer gibt es nicht im modernen Layout. Nun erkennt jeder halbwegs geübte Magicspieler die Karte sofort als Kreatur. Das Vieh ist allerdings als 15 Jahre alte Karte ausreichend obskur, dass man jeden visuellen Hinweis gerne nimmt. Gerade, wenn die Karte in einem Cube mit 191 anderen, teilweise sehr alten und unbekannten Karten steckt.
Im oben verlinkten Artikel zu Seanchui erwähne ich in den Kommentaren, dass ich den Setdesigner verwende, um teilweise Karten mit ihrem Oracle-Wording für Cubes nachzubauen. Bescheuert, ich weiß. Auf der Arbeit kann ich einen professionellen Hochleistungs-Farblaserdrucker verwenden, so lange ich für jeden Farbausdruck zehn Cent in die Dose lege und meinen privaten Kram nach Feierabend erledige. Das Erstellen kostet mich ca. eine Minute, sieben Mausklicks, einmal Strg-c und -p und einen gezogenen Auswahlrahmen. Dafür erhöht es die Spielbarkeit teilweise enorm.
Zusammengefasst brauche ich für Turniere immer weniger Karten, während Proxys für meine Casual-Vorhaben immer interessanter werden… und der Anreiz, echte Karten zu kaufen sinkt immer weiter. Wie erläutert stellt sich mir mittlerweile die Frage “Warum soll ich echte Karten kaufen, wenn Proxys für meine Zwecke überlegen sind?” Von daher ist es wohl schon ganz gut, dass ich nicht zur Magic-Zielgruppe gehöre.
Ich will nicht weiter groß auf die “Ich sehe es nicht ein, für diese Karte €€€ zu bezahlen”-Thematik eingehen. Wobei niemand Ärger riskiert, wenn er öffentlich ins Internet eingestellte Bilder ausdruckt, um sie an seinem Küchentisch seinen drei Freunden zu zeigen. Ich kann nachvollziehen, wenn ein Ladenbesitzer kein Interesse an übermäßiger Proxyverwendung in seinem Shop hat. Daher kann ich auch Wizards Interesse verstehen, die Leute zurück in die “Brick&Mortar-Stores” zu holen. In meiner Gegend sind die Magictreffs in Jugendzentren. Dort sind die Betreiber tendenziell eher froh, wenn einer weniger mit seinem “5.000€-PIMP-EDH” angibt. In solchen Treffs ist die Hauptfrage eher, wie es die anderen Spieler mit Proxys halten. Und diese Fragen möchte ich nach etwas über tausend Wörtern an Euch weitergeben.
Gruß
e.
Ich geh jetzt weiter Kultan spielen. Arrrr.
